Ehrenamt

Grundlagen

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Ehrenamtliches Engagement in der Evangelischen Jugend

Die Evangelische Jugend ist von Selbsttätigkeit geprägt  - ehrenamtliches Engagement ist konstitutive Grundvoraussetzung protestantischer Kinder- und Jugendarbeit und im noch gesteigerten Maße der evangelischen Jugendverbandsarbeit im engeren Sinne. In der Studie „Realität und Reichweite von Jugendverbandsarbeit am Beispiel der Evangelischen Jugend“ wurde auch die Frage des Engagements in der Evangelischen Jugend in den Blick genommen. 10% der Befragten, die an den Aktivitäten der Evangelischen Jugend partizipieren, engagieren sich aus ihrer Sicht über das Maß einer üblichen Aktivität hinaus. Bei einer Reichweite von 1,35 Millionen erreichten jungen Menschen wären dies ca. 135.000 Engagierte im Bereich der kirchlichen Jugendarbeit. Dies ist ein erhebliches Potential, die Zahlen lassen sich durchaus auch plausibel mit anderen Quellen in Einklang bringen, wie dem Freiwilligensurvey, in dem der kirchliche Sektor als einer der größten Orte des Engagements auffällt.

Das Ehrenamt verändert sich

Mit den Lebenslagen junger Menschen ändert sich auch die Ausformung des Engagements. Motivationen und Vorlieben, aber auch Möglichkeiten und Grenzen, fördernde und hindernde Faktoren für Engagement ändern sich. In der aktuellen fachpolitischen Diskussion wird vielfach die These vom Strukturwandel des Ehrenamts hin zu einem „neuen Ehrenamt“ vertreten. Einen solchen Strukturwandel tatsächlich empirisch zu fassen und konzeptionelle Konsequenzen zu ziehen, ist nicht einfach. So ist aus Teilen der Evangelischen Jugend bekannt, dass nach wie vor und ohne große quantitative Abbrüche klassische Mitarbeitendenrollen (wie der/die Gruppenleiter(in)) reproduziert und transformiert werden. Solche „Ungleichzeitigkeiten“ sind ein Hinweis darauf, dass sich die Herausforderungen zwar konzeptionell abstrahiert im obigen Sinne beschreiben lassen, situativ aber vielmehr Modelle für konkrete Menschen in konkreten Situationen gefunden werden müssen.

Genau in dieser Uneinheitlichkeit der jeweiligen Situationen  zeigt sich in der Praxis der Strukturwandel des Engagements wieder.  Konkret heißt dies: Der Wunsch nach Kontakt und Geselligkeit, nach Spaß, Selbstbestimmung und Anerkennung, nach persönlichkeitsbildender (Selbst-)Erfahrung und selbstbestimmter Hilfeleistung, die Suche nach neuen Formen sozialen Umgangs sowie nach gesellschaftlicher Teilhabe bestimmen die Bereitschaft junger Menschen, sich zu engagieren und aktiv zu beteiligen. Der Begriff „individuelle Motivationsmixtur“ beschreibt die Situation wohl am trefflichsten. Für den kirchlichen Raum bedeutet dies, das Verhältnis von Bindungskraft und Offenheit sorgfältig auszubalancieren, um unterschiedlichen Formen und Intensitäten von Engagement Raum zu geben. Das „klassische Ehrenamt“ muss zukünftig ebenso Raum erhalten, wie kürzere, projekthafte oder unverbindlichere Formen des Engagements.

Neue Leitbilder müssen her

Das bedeutet die Notwendigkeit neuer und vielfältiger(er) Leitbilder darüber, wie Evangelische Jugend das ehrenamtliche Engagement in ihren Angeboten anlegen, fördern und unterstützen soll.

  • Die Lebenswirklichkeit junger Menschen erfordert hier mehr zeitliche und persönliche Flexibilität. Umgekehrt sind Verbindlichkeit und eine gewisse Verweildauer sowohl als pädagogische Ziele als auch banal mit Blick auf die wachsenden Anforderungen und damit einhergehenden Qualifizierungsbedarfen erforderlich. In diesen Kontext fällt ein starker Trend, immer früher in die Gewinnung und Qualifizierung ehrenamtlich Mitarbeitender einzusteigen.
  • Das Verhältnis zwischen Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen in der Evangelischen Jugend wird sich in den kommenden Jahren genauer bestimmen müssen: Angesichts der erwartbar zurückgehenden Ressourcen wird es vermehrt notwendig sein, Ehrenamtlichkeit auszubauen und zu stärken. Bereits jetzt ist die Begleitung Ehrenamtlicher und damit die Multiplizierung der eigenen Potentiale erste Aufgabe professioneller Jugendarbeit. Bei einem weiteren Abbau von Hauptberuflichkeit müsste dieser Multiplikationseffekt noch weiter  gesteigert werden. Gleichzeitig werden die Anforderungen an junge Menschen immer größer und die Möglichkeiten zum komplett oder weitgehend eigenständigen Engagement eingeschränkt.

Rahmenbedingungen für das Ehrenamt weiterentwickeln

Ehrenamtliche, die über die notwendigen personalen Kompetenzen verfügen und entsprechende zeitliche Ressourcen haben, stehen nur begrenzt zur Verfügung. So hoch die Notwendigkeit ist, hier nach Möglichkeiten zu suchen, die begrenzten professionellen Ressourcen möglichst effizient in Gewinnung, Ausbildung und Begleitung einzusetzen, so gefährlich ist die Erwartung, hier den Anteil ehrenamtlich verantworteter Leistungen relevant zu erhöhen. Die Reduzierung von Hauptberuflichkeit wird in aller Regel nicht zu einer Kompensierung der Arbeit durch Ehrenamtliche, sondern zu einem Wegfall konkreter Leistungen der Kinder- und Jugendarbeit führen.

Es müssen daher vielmehr umfassend die bestehenden Systeme der verbandlichen „Reproduktion“ von Ehrenamtlichkeit in den Blick genommen werden. Entsprechende Systeme zerfallen aktuell leicht, sind aber nur in sehr langwierigen Prozessen wieder aufzubauen. Es wird in diesem Sinne nicht mehr ausreichen, Hauptberuflichen die Aufgabe der Sicherung der Rahmenbedingungen für die Arbeit Ehrenamtlicher und deren qualifizierende Begleitung zuzuweisen, sondern auch neue Personengruppen für das ehrenamtliche Engagement zu gewinnen. Vor allem die Aufgaben, Rahmenbedingungen und Strukturen zu sichern oder auch politische Schnittstellen zu verantworten sind Felder, die hier in den Blick genommen werden müssen.

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Kontakt

Stephan Groschwitz
Referent für Kinder- und Jugendpolitik
Telefon: 0511 1215-147
E-Mail: sfg@aej-online.de

Wiebke Albes
Assistenz Kinder- und Jugendpolitik
Telefon: 0511 1215-138
E-Mail: wa@aej-online.de