Erdbeeren im Januar

Ein Blick auf unseren Speiseplan zeigt: Wir gehen davon aus, dass alles jederzeit in Hülle und Fülle zu haben ist.

Zugleich wissen wir, dass da etwas nicht stimmt.

Das slowakische Märchen „Die zwölf Monate“ kann unsere Augen dafür öffnen. Es erzählt von der hässlichen, aber von ihrer Mutter innig geliebten Holena, die mitten im Januar den Wunsch nach Erdbeeren verspürt. Für die sofortige Befriedigung dieses extravaganten Wunschs muss Maruska, Holenas verhasste und schöne Stiefschwester herhalten.

Rücksichtslos wird das Mädchen in den verschneiten Wald geschickt, um frische Erdbeeren zu holen. Die zwölf Monate, denen sie im Wald in der Gestalt von zwölf Männern begegnet, helfen dem Mädchen aus der Not. Der Januar tauscht seinen Platz mit dem Juni, es wird für kurze Zeit sommerlich warm und Maruska findet Erdbeeren in Fülle. Erleichtert kehrt sie nach Hause zurück. Doch die gierige Schwester schickt sie, Veilchen zu suchen und knackige Äpfel mitzubringen.

In ihrer unersättlichen Gier geht Holena eines Tages selbst in den Wald, gefolgt von ihrer Mutter. Die zwölf Monate durchschauen das Spiel und beschwören einen Eissturm herauf, aus dem Mutter und Tochter nicht zurückkehren.

Blickt man aus der Perspektive des Märchens auf die Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts, so scheint es nicht nur, als habe sich das Märchen auf fantastische Weise erfüllt. Vielmehr bildet es unsere Realität in geradezu erschreckendem Maße ab. Erdbeeren im Januar sind keine Unmöglichkeit. Die industrialisierte Landwirtschaft, Welthandelsstrukturen und entsprechende Logistik und Transporttechnik machen es möglich.

Die Erdbeeren mitten im Winter stehen stellvertretend für eine Ernährungsweise, die von Gier und totaler Verfügbarkeit gekennzeichnet ist. Der Lebensstil in unserem Land ist wie im Märchen in starkem Maße von einer grenzenlosen Bedürfnisbefriedigung geprägt, wenn es nur jetzt auf der Stelle und vor allem billig ist. Dass das wie im Märchen nur auf Kosten anderer Menschen und der Umwelt möglich wird, ist bekannt, wird aber meist aus dem Bewusstsein verdrängt.

 

Erdbeeren im Winter sind aber nicht nur eine Missachtung von natürlicher Begrenztheit. Sie sind auch Ausdruck von Fantasielosigkeit.

In diesem Kochbuch werden Wege aus dieser selbst auferlegten Begrenztheit
gezeigt. Außerdem soll das Gespür für den Lauf der Jahreszeiten zurückgegeben
und in Vergessenheit geratene Nahrungsmittel, alte Gemüsesorten, einheimische Früchte wiederentdeckt werden. Das Kochbuch verlockt zum Ausprobieren unbekannter Gerichte aus saisonalen Produkten und erinnert uns daran, wie köstlich Apfelmus schmeckt, wenn es frisch und selbst gemacht ist. So köstlich, dass wir Erdbeeren nicht vermissen und bis zum Sommer warten können, wenn sie wirklich schmecken. Das Kochbuch setzt auf das Gegenteil von Gier und Maßlosigkeit – auf Genuss!

Dr. Veit Laser, Referent für Entwicklungsbezogene Bildung